Sonntag, 15.12.2019 20:25 Uhr

Witz-Oberlin als pazifistischer Vordenker

Verantwortlicher Autor: Schura Euller Cook Wien, 27.10.2019, 10:13 Uhr
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Wien [ENA] In der reformierten Stadtkirche Wien, diesem Kleinod in der Dorotheergasse, fand im September 2019 eine Buchpräsentation statt, die auch für "Nichteingeweihte" einen Einblick in eine andere Welt ermöglicht, die die Grenzen der eigenen erweitert und sich hineindehnt in einen blühenden Garten protestantischer Geistesgeschichte in Österreich. Es geht um das Buch "Si vis pacem, para mentem" von Charles A. Witz-Oberlin.

Es wurde von Thomas Hennefeld sehr sachkundig herausgegeben und bei Böhlau verlegt. Natürlich ist es ein sehr anspruchsvolles Buch, immerhin sind darin fast alle "unauflösbaren" großen Probleme der Geistesgeschichte beinhaltet. Zuersteinmal, da ist die bezaubernde Grazie der Sprache, mit der Witz-Oberlin seine Analysen und Gedanken in eine "Rosengartenidylle" verwandelt, sogar so schreckliche Themen wie Krieg und die damit verbundenen Greuel. "Si vis pacem, para mentem" heißt das Buch. Es ist der Glaube an die Vernunft, die der Autor höher stellt als die Kriegslogik oder die Kriegsbegeisterung. Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen zu grausam werden, kann sich die Vernunft noch immer in die Sphären des Geistigen flüchten.

Dort, in der Gemeinschaft der Heiligen, fest in den Worten der Bibel verankert, auf Jesus Christus vertrauend und in seliger Umarmung mit ihm, kann der "Geistmensch" den Stürmen des Lebens trotzen, scheint er uns zuzurufen. Das ist vielleicht das Geheimnis der Religion, dieses Blühen der inneren Welt, die dem Menschen ein Anker ist. Nichtsdestoweniger war Witz-Oberlin durchaus auch ein "Realpolitiker". Das zeigt sich auch in seinem Aufsatz "Die wahre Ligue d'Alsace", wo er eine versöhnende Position finden musste für die verhärteten Fronten des deutsch-französischen Kriegs von 1870. Doch wie verhält es sich bei der Notwendigkeit der Verteidigung? Witz-Oberlin geht davon aus, dass nur der Friedfertige, also der wahre Christ, kämpen darf.

Der Aufgeregte, von Hass und Fanatismus motivierte, hat kein Recht zur Verteidigung und zum Krieg. Diese stoische Grundhaltung ist vielleicht doch auch eine notwendige Grundlage des Denkens für ihn. Das Buch ist ausführlich in der Behandlung von Schriften, Vorträgen oder Predigten, die in einem Zusammenhang mit Krieg stehen und ist sehr gut kommentiert von Thomas Hennefeld oder Matthieu Arnold. Und doch werden sich die großen Buchreligionen irgendwann der Kritik eines "ausufernden Humanismus" gefallen lassen müssen, der in dem neuen Begriff eines umweltgefährdenden Anthropozäan gipfelt, und der Erkenntnis, dass aus der ehemals blühenden Erde eine wüste Einöde und ein großes Schlachthaus gemacht wird.

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