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Kinopremiere: Staatenlos - Klaus Rózsa, Fotograf

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Zürich, 06.04.2017, 12:37 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5384x gelesen
Klaus Rózsa bei der Schweizer Filmpremiere, 5. April 2017 in Zürich
Klaus Rózsa bei der Schweizer Filmpremiere, 5. April 2017 in Zürich  Bild: Tamás György Morvay

Zürich [ENA] Der Dokumentarfilmer Erich Schmid bezeichnet seine jüngste Arbeit als "anwaltschaftlich". Mit "Staatenlos" zeichnet er das bewegte Leben seines Freundes Klaus Rózsa nach, der als Fotojournalist und Gewerkschafter zuvorderst für die Freiheit kämpft, Polizeiarbeit ungehindert dokumentieren zu können.

Ein Leben in knapp anderthalb Stunden zu erzählen - Erich Schmid gelingt der Spagat. Das Porträt des Sprösslings eines Holocaust-Überlebenden, der als 2-jähriger Bub aus den Revolutionswirren von Budapest in die Schweiz flüchtet, in einem bayerischen, katholischen Internat die Schule absolviert, im Kreis der ersten Jugendbewegung um 1970 radikalisiert und in der Anti-AKW-Bewegung erstmals politisch aktiv wird, ist plastisch, gut strukturiert und nachvollziehbar. Rózsa wird Fotograf, er findet seine Berufung in der Dokumentation der massiven Polizeieinsätze um die Niederschlagung des Kampfes um ein Autonomes Jugendzentrum in Zürich um 1980. Immer in vorderster Reihe stehend erlebt er die Gewalt, bekommt den Hass am eigenen Leibe zu spüren.

In die Darstellung der Geschichte des Kulturzentrums Kanzlei eingebettet sind die beiden erfolglosen Versuche Rózsas, Schweizer Bürger zu werden. Diese scheitern insbesondere am Widerstand politischer Kreise, gespiesen aus den über ihn angelegten Polizeiakten und den Fichen des Staatsschutzes. Dass Rózsa, nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa, in sechs Wochen seine ungarische Staatsbürgerschaft wiedererlangt, während die Zürcher sechs Jahre brauchen, um sein zweites Einbürgerungsgesuch abzulehnen, ist nur ein markantes Detail seiner Lebensgeschichte. Dazu gehören jedoch auch die antisemitischer Anfeindungen - obschon Rózsa in dieser Phase seines Lebens seine jüdische Herkunft bewusst nicht publik werden lässt.

Klaus Rózsa verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach Ungarn. Der Alltag in der Schweiz ist für ihn unerträglich geworden, er empfindet die Polizeipräsenz in Zürich ungleich massiver als in Budapest, er wird von Panikattacken geplagt und unaufhörlich an die erlittenen Schmerzen und Erniedrigungen durch die Obrigkeit erinnert. In seiner Geburtsstadt führt er Schweizer Touristen durch das ehemalige Ghetto, auch ans Holocaustdenkmal, wo auch an den Schweizer Diplomaten Carl Lutz erinnert wird, der 1944 durch den Erwerb von Liegenschaften und die Errichtung sog. Schutzhäuser Budapester Juden Zuflucht geboten hatte. Nach dem Krieg erhielt er dafür in der Schweiz nur einen Rüffel wegen Kompetenzüberschreitung

Der Regisseur und sein Protagonist: Klaus Rózsa mit Erich Schmid

Erich Schmid erzählt dieses Leben, vor dem Hintergrund eines Kapitels Zürcher Geschichte, mit Material aus den Archiven des Schweizer Fernsehens, im Wechsel mit Interview-artigen Abschnitten, welche an den gleichen Standorten drei Jahrzehnte später gedreht wurden. Er zeichnet den Weg eines Mannes als Wanderer zwischen den Welten, auch in seiner Gefühlswelt zwischen Verletzlichkeit und Gerechtigkeitssinn , mit sehr viel Wärme und Einfühlsamkeit nach. Dass die Kontroverse bis heute nicht ruht, mag der Umstand illustrieren, dass der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann, dessen Haltung 1992 zur Ablehnung von Rózsas Einbürgerungsgesuch führte, Szenen welche ihn zeigen sollten, gerichtlich verbieten liess.

Als der Abspann lief, bekundete das Publikum durch langanhaltenden Applaus seine Bewunderung für den Protagonisten und seine Lebensleistung. Gekommen waren nicht nur Wegbegleiter Klaus Rózsas, prominente Vertreter aus der Lokalpolitik waren gekommen, ebenso auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Zürich und Umgebung. An die Vorführung schloss sich eine kurze Diskussionsrunde an. Unter der Leitung der bekannten Moderatorin Daniela Lager beleuchteten die Politikerin Doris Fiiala, der Strafrechtsprofessor Marcel Alexander Niggli und der Historiker Jacques Picard die Themen des Films aus ihren jeweiligen Perspektiven. Und nach dem Kino stand man noch, in kleinen Gruppen diskutierend, geraume Zeit am Stadelhofen, friedlich zusammen.

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