Donnerstag, 23.09.2021 19:20 Uhr

Israel - warum sich gegenseitig zerfleischen?

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Jerusalem/Israel, 14.07.2021, 19:33 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 3458x gelesen

Jerusalem/Israel [ENA] Die Regierung Bennett-Lapid ist seit wenigen Wochen im Amt. Wie lange sie sich halten kann, ist eine, zu Recht heiss diskutierte Frage in- und auch ausserhalb Israels. Vergangene Woche scheiterte ein Gesetzesvorhaben in der Knesset, zur nicht unwichtigen Frage der Rechte palästinensischer Angehöriger in gemischten, jüdisch-arabischen Ehen in Israel. Auch die existentielle Frage der iranischen Bombe ist Zündstoff.

Vor diesem Hintergrund veröffentlichte der nunmehr Oppositionsführer Benjamin Netanjahu heute einen Kommentar in der Tageszeitung Israel Hayom. Es ist eine Klageschrift, welche schon in der Überschrift einen massiven Vorwurf erhält: Iran nähert sich rasant der Bombe und die Regierung schweigt! Als Zeuge der Anklage beruft Netanjahu keinen geringeren als Ze'ev Jabotinsky, den ideologischen Übervater des religiösen Zionismus, auf den sich auch der aktuelle Premierminister Naftali Bennett gerne beruft. Reine Oppositionspolitik? Mitnichten, denn die Haltung gegenüber dem Iran - und implizite auch das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten - ist die zentrale Frage jeglicher israelischer Politik.

Der Leistungsausweis, den Netanjahu aus seiner insgesamt 16-jährigen Verweildauer an der Spitze der israelischen Politik vorlegt, könnte nicht imposanter sein. So beruft er sich darauf, dass er der wiederholten Bitte der Amerikaner, doch bitte keine "Überraschungen" aufzutischen, sich konsequent verweigert hatte, denn: "Jabotinsky glaubte, dass die aggressive und Unabhängigkeit projizierende von Stärke der Hebräer der Schlüssel sei, ihre Gegner daran zu hindern uns zu vernichten, und unser Dasein eines Tages zu akzeptieren", so der ehemalige Regierungschef in seinem Kommentar. Natürlich kreidet Netanjahu seinem Nachfolger an, durch eine Zusage von "no surprises" (zu deutsch etwa "keine Überraschungen"), Schwäche zu offenbaren.

Hier knüpft der zweite Anklagepunkt an und richtet sich dagegen, dass die Regierung einem weiteren Grundsatz Jabotinskys untreu geworden sei, nämlich durch bestimmtes und konsistentes Verhalten, die öffentliche Meinung weltweit ihren Gunsten zu beeinflussen. Auch hier kann Netanjahu auf seine Politik in der Regierung verweisen: unzählige Interviews in der amerikanischen Presse, sowie seine Reden vor der UNO und im US-Kongress. Demgegenüber habe Bennett versprochen, die Schwierigkeiten hinter verschlossenen Türen mit den Vereinigten Staaten zu bereinigen. "Nur durch entschiedenes Auftreten in der Öffentlichkeit kann man sie dazu bringen, dir hinter verschlossenen Türen auch zuzuhören", belehrt Netanjahu seinen Nachfolger im Amt.

Die Antwort aus "Balfour Street" - dem Amtssitz der Regierungschefs, von wo die Netanjahus erst am vergangenen Wochenende ausgezogen sind - liess nicht lange auf sich warten. Und war genau so offensichtlich, wie vorhersehbar. "[Netanjahu] war PM während 12 Jahren und bis vor einen Monat, und es war seine Nachlässigkeit, die Iran an den Punkt brachte, wo es näher zur Atombombe sei als je zuvor. Das ist eine gravierende Verfehlung. [... Er] zog es vor, Ansprachen und PR-Shows abzuhalten, anstatt auf entschiedenes Handeln zu drängen", so die Gegenattacke aus Premierminister Bennetts Umfeld, wie auf Twitter zu lesen war. Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, beide Seiten befänden sich nach wie vor - oder wieder - im Wahlkampfmodus.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.