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Familiengeschichte um die Zeit des Zweiten Weltkriegs

Verantwortlicher Autor: Tamas Gyoergy Morvay Freiburg (Breisgau), 07.12.2019, 15:12 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5780x gelesen

Freiburg (Breisgau) [ENA] Gaby Spronz ist Israeli, lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Seit geraumer Zeit beschäftigt ihn die Erforschung seiner eigenen Familiengeschichte, welche seit dem Spätmittelalter auch europäische Geschichte ist. Stationen waren Spanien, Italien, Deutschland und das Habsburgerreich der Doppelmonarchie. Darüber referierte Spronz am Donnerstag in der TheaterBar in Freiburg: Zeitgeschichte mit Wirkung bis heute

Der Inhalt sei keine leichte Kost, warnte Gabriela Schlesiger von KopfStand in ihrer Einführung. Die notwendige musikalische Auflockerung, vorgetragen von der jungen, engagierten Gruppe um den Gitaristen Markus, mit der Sängerin Nadine und dem Geiger Marcel, half mit die wichtigen Inhalte zu registrieren. Gaby Spronz ist Anfang Sechzig, er spricht mit ruhiger Stimme, achtet darauf seine Zuhörer stets mitzunehmen. Sie danken es ihm, indem sie bis zuletzt konzentriert durchhalten. Dem Vortragenden ist es wichtig, dass es nicht um Schuld, nicht um Opfer oder Täter geht. Vielmehr um die notwendige Weitergabe der geschichtlichen Fakten an die Generationen der Nachfahren. Dass der Bezug zu heute gegeben ist, wird im weiteren Verlauf noch klar.

Stellen Sie sich vor, sie heissen Zsigmond oder Aladár, traditionelle jüdische Vornamen im Budapest des anbrechenden 20. Jahrhundert. Oder sie heissen gar Dezső, ein typisch ungarischer, aber ebenfalls durchaus gängiger Vorname in der assimilierten bildungsbürgerlichen, jüdischen Mittelschicht. Doch dann ändert sich über Nacht alles, als Jude dürfen sie nicht mehr öffentliche Schulen besuchen, nicht studieren, kein Handwerk oder gar akademischen Beruf ausüben. Sie werden in Ghettos zusammen gepfercht, in den Osten umgesiedelt. Von der Wehrmacht, tatkräftig unterstützt von lokalen Kräften, brutal gemeuchelt, wie etwa in Babi Jar. In Viehwaggons gepfercht und tagelang zu den Mordfabriken gekarrt, nach Ankunft selektiert und gleich vergast.

Das alles hat Gaby Spronz, für die konkreten Einzelfälle seiner eigenen Familie in Deutschland und auch in Ungarn genauestens recherchiert und dokumentiert. Aber auch die Fälle jener Verwandten, die dank glücklicher Fügung des Schicksals überlebten, und sich unter grössten Strapazen "nach Hause" durchschlugen, nur um festzustellen, dass es nicht mehr ihr zuhause war, dass sie nicht mehr dort leben konnten. Gaby Spronz' Eltern emigrierten, noch getrennt, in das neu gegründete Israel, sie dienten in der Armee, brachten ihr erworbenes Wissen von den führenden Hochschulen des Landes für die Verteidigungsindustrie ein. Und sie zeugten Kinder und zogen sie auf, zu lebensfrohen Nachfahren dieser leidgeprüften Generation.

Und dann stellen Sie sich vor, Sie heissen mit Vornamen Alexander. Und Sie sind ein Politiker, der Dinge verkündet, wie dass in Verdun, im Ersten Weltkrieg, doch "auch Giftgas eingesetzt" worden war. Und dass man auf die Leistungen der Wehrmacht doch auch stolz sein müsse. In Gaby Spronz' Vortrag lässt er Alexander Gauland diesen Satz immer wieder sagen - kontrastiert mit den Gräueltaten der Soldateska an der Ostfront. Und da hört man dann doch die Wut in seiner Stimme, dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Weil es doch blanker Hohn ist, wenn die Nachfahren sich das heute anhören müssen. Und der Zuhörer realisiert, dass diese Wut auch einem Ringen um ein Verständnis entspringt, für etwas, das bis heute unfassbar geblieben ist.

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