Sonntag, 06.12.2020 01:54 Uhr

Erste Gedanken zu den US-Wahlen

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Washington, 09.11.2020, 08:59 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 4086x gelesen

Washington [ENA] Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt, der Amtsinhaber Donald Trump weigert sich, seine Niederlage einzugestehen. Derweil hat der Herausforderer Joseph Biden bereits eine Siegesredde gehalten und dazu aufgerufen, die Gräben zuzuschütten und im politischen Gegner weniger den Feind als den Mitbürger zu sehen. Im tief polarisierten Amerika wird der Aufruf wohl weitgehend ungehört bleiben. Man pflegt seine Vorurteile.

Wann fängt man an einen Nachruf zu schreiben? Nun, meiner Überzeugung nach gebietet es die Pietät, damit zuzuwarten, bis der Betroffene unter der Erde, aber zumindest klinisch tot ist. Oder, anders gefragt: wann darf man über einen Lebensabschnitt eines Menschen nachdenken? Da finde ich, das ist immer erlaubt, wenn dieser Abschnitt sich erkennbar dem Ende zuneigt. Ich denke, es ist offensichtlich, in welchem Zusammenhang ich über diese Fragen nachzudenken begonnen habe: einiges spricht dafür, dass der US-Präsident Donald Trump der sechste Amtsinhaber sein wird, der nach nur einer Amtszeit seine Zelte im Weissen Haus wird abbrechen müssen.

Er wird dann dieses Schicksal mit den folgenden Vorgängern teilen: William Taft, Herbert Hoover, Gerard Ford, Jimmy Carter und George Bush. Als Donald J. Trump die Wahl in der Nacht vom 8.-9. November 2016 gewann, war ich entsetzt. Als Ausweg klammerte ich mich an die Überzeugung, dass das Amt auf alle seine Vorgänger – soweit mir bekannt – eine «normative Wirkung» gehabt hat, dass ein Mensch an seinen Aufgaben reifen kann. Ist Trump mit seinen Aufgaben in seiner Statur gewachsen? Die Frage zu beantworten ist nicht leicht. Da ich die Reagan-Jahre bereits als politisch bewusster Mensch erlebte, führe ich nur ihn als belegendes Beispiel an. Eventuell wird man Trumps Leistung auch erst in der Rückschau erkennen können.

Aber dann tauche ich tiefer ein und erkenne, dass man damit dem Mann nicht gerecht werden würde. Seine Errungenschaften im Positiven wie im Negativen, sind heute bereits erkennbar. So hat er erfolgreich Allianzen geschmiedet im Mittleren Osten, er akzeptierte die Realität im sog. Nahostkonflikt, wie kein anderer vor ihm. Ist er «gut für uns Juden»? – Vielleicht nicht in allen Aspekten, aber zweifellos hat er Entwicklungen eingeleitet, auf die ein Nachfolger aufbauen kann.

Was ist mit Europa? Die hier vorherrschende negative Einstellung gegenüber Trump, welche natürlich nicht ausschliesslich mit anti-amerikanischen Tendenzen zu erklären ist (etwa in Deutschland oder in Frankreich), verhindert die Erinnerung daran, dass bereits ein Donald Rumsfeld vom Gegensatz zwischen «alten» und «neuen» Europa gesprochen hatte, oder dass bereits unter Trumps Vorgänger Obama, ein Abzug der Amerikaner aus Europa begonnen hatte. Hintergrund dazu ist nicht nur das 2014 in Wales festgeschriebene «Zwei-Prozent-Ziel», das zudem bereits im Jahr 2002 auf dem NATO-Gipfel in Prag besprochen und in einen klaren Kontext (NATO-Osterweiterung) gebracht wurde.

Trump leitete eine Containment-Strategie im südchinesischen Meer ein und lotete Möglichkeiten im Konflikt auf der koreanischen Halbinsel ein, an denen seine Vorgänger gescheitert waren. Auch da mag man die Vorteile nicht auf den ersten Blick wahrnehmen, sie sind jedoch klar da, in der Form von «Pflöcken», die in den Boden getrieben sind und hinter die zurück zu gehen nicht einfach sein wird. Und dies sind nur die aussenpolitischen Hinterlassenschaften, die eigentlich in amerikanischen Präsidentschaftswahlen selten eine Rolle spielen. Dass ihnen im aktuellen Wahlkampf keine eigene Debatte gewidmet wurde, mag übrigens ein Erklärungsansatz sein, weshalb emotionalen (Fehl-)Leistungen dieses Präsidenten zu sehr im Vordergrund stehen konnten.

Ja, Trump war in der Wahl seiner Methoden wenig zimperlich. Ruppig im Umgang waren zwar auch schon manche seiner Vorgänger, aber sie legten wenigstens in der Öffentlichkeit Wert auf das Protokoll. Aber, was hat man denn erwartet von einem, dessen einziger, auch durch seine Gegner anerkannte Leistung in der Charakterisierung als «Reality-Star» bestand - what you see is what you get WYSIWYG) - gekauft, wie besehen. Joe Biden zu, löst in mir auch Unbehagen aus. Da ist einmal seine politische Vergangenheit aus 47 Jahren in Washington – ein «Beltway-Insider», wie er im Buche steht. Gerade gegen sie ist Trump vor 5 Jahren angetreten. Aber, Politik ist leider ein Geschäft, wo ein langes Gedächtnis des Wahlvolks selten erwünscht ist.

Dann, das Alter des Kandidaten: Joe Biden, einst der jüngste Senator wird, wenn er am Ende als Sieger feststeht, der älteste, jemals gewählte Präsident werden. Auch da gilt WYSIWYG, und auch das werden seine Wähler ungern hören. Das lenkt den Blick auf die Vizepräsidentin, Kamala Harris, die erste farbige Frau in diesem Amt. Die in der Vergangenheit zeremonielle, Rolle hat Joe Biden mit der Art seiner Amtsführung während 8 Jahren in Frage gestellt: er hatte sich stets als verlässlicher Partner Obamas erwiesen, der seinem Chef immer mit Rat und Tat zur Seite stand. Das er wird das von Harris einverlangen. Damit schliesst sich der Kreis: wann fängt man an einen Nachruf zu schreiben?

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