Montag, 25.05.2020 05:27 Uhr

Ende der Zeitzeugenschaft - eine Ausstellung

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Hohenems, 30.01.2020, 21:28 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5948x gelesen

Hohenems [ENA] Dichter Nebel herrschte an diesem Samstagmorgen auf dem Weg vom Bahnhof zum Jüdischen Museum Hohenems. Hier ist aktuell, und bis zum 13. April 2020 die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ zu sehen. Entstanden in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, zeigt sie Exponate in Form von audio-visuellen Interviews mit Überlebenden des Shoah. Und fragt, wie die Erinnerung nach deren Ableben gepflegt wird.

Am 27. Januar 2020 jährt sich zum 75. Male die Befreiung der Todesfabrik Auschwitz-Birkenau durch die Sowjetarmee. Die Soldaten erwarteten an die 7‘000 ausgemergelte Opfer hinter dem Stacheldraht, den diese erst überwinden mussten. Manche mehr tot denn lebendig, waren sie durch die Hölle gegangen. Und, im Unterschied zu den rund 1.1 Millionen, die hier in den rund 6 Jahren eingepfercht waren, haben sie überlebt. In der Folge sagten manche von ihnen in Prozessen gegen die Täter aus. Im kommunistischen Ostblock, in Nürnberg und in Frankfurt. Auch 1961 in Jerusalem, anlässlich des Prozesses gegen den Auschwitz-Lagerarzt Josef Mengele. Doch für sehr viele war es weder sprachlich, noch über Kunst möglich, über die Erlebnisse zu reden.

„Wozu soll ich berichten, ...

... was ich durchgemacht habe, das wird mir nie jemand glauben.“ Leider eine Realität, welche auch der Autor in der eigenen Familie erleben muss. Und nach 40, 50 und noch mehr Jahren des Schweigens, und erst, nachdem die geistigen Abwehrkräfte erlahmen, finden manche Betroffene zu Ausdrucksmitteln. Erleben, in einer anderen Wirklichkeit, das Geschehene wieder, oft mit einer Deutlichkeit, welche für die zuhörenden Angehörigen häufig genauso belastend wirkt. Und doch ist klar: „die Erzählung entsteht im Zuhören und Gehörtwerden“, und „der historische Raum ist ohne die sogenannten Zeitzeugen offener als mit den Zeitzeugen“. Dies sind nur zwei der Kernaussagen, mit denen der Besucher der Ausstellung konfrontiert wird.

Was, wenn niemand mehr da ist, der aus eigenem Erleben aufzeigen kann, wofür es im Grunde keine Worte, keine Bilder gibt. Zu welcher Art Geschichte wird dann die Geschichte der Shoah? Wird ihr gar, den Gladiatorenkämpfen gleich im antiken Rom, die Stilisierung zur Folklore? Der Besuch in der Ausstellung, welche - vielleicht auch das schon symbolhaft - im Untergeschoss des Museums gezeigt wird, wirkt noch lange nach. Der Nebel draussen mag sich verzogen haben. Die Last des Gesehenen zwingt den Autor jedenfalls, sich im Foyer hinzusetzen. Doch, so sehr er sich auch bemüht, das Unfassbare zu erfassen, auch an diesem Samstagmorgen gelingt es nicht. Am Ende steht für ihn fest: „nie wieder“ ist nur ein frommer Wunsch!

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