Samstag, 18.11.2017 20:19 Uhr

Ende der Erinnerung? - Eine filmische Annäherung

Verantwortlicher Autor: Tamàs György Morvay Zürich, 29.01.2017, 20:26 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5414x gelesen

Zürich [ENA] Dem seit 1972 als selbständiger Filmemacher tätigen Peter Scheiner gelang mit "Ende der Erinnerung?" ein aussergewöhnlicher Dokumentarfilm. Er folgt darin der Geschichte des Vereins "Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust" und stellt die Frage, ob mit dessen Selbstauslösung auch die Vergangenheitsbewätigung in der Schweiz abgeschlossen sei. Die Erstaufführung des Films war am Sonntag im Kino Stüssihof in Zürich.

Eines vorweg: der Film rüttelt auf. Er zieht den Zuschaer von Beginn an in seinen Bann und wirkt auch nach dem Abspann weiter. Die Einleitung setzt den Ton: der Filmemacher bekennt dabei, dass er beim gemeinsamen Besuch des Konzentrationslagers Mauthausen, das sein Vater überlebte, dessen Anliegen wohl nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Um diesem empfundenem Makel entgegen zu wirken, sei eine Motivation, aus der heraus der Film entstand. Im einstündigen Dokumentarfilm scheint kaleidoskopartig die Geschichte jenes privaten Vereins auf, von dem ein Mitglied, das Gute an ihr sei, "dass sie kein Programm" hätte. Eine andere Stimme sagt, wir wollten zusammen sein", und "wir mussten einander nichts erklären".

Untrennbar mit der Geschichte der Kontaktstelle verbunden ist das herausragende Ereignis zur Schweizer Vergangenheitsbewältigung, die in den 1990er Jahren, auf ausländischen Druck hin zustande gekommene Taskforce "Schweiz-Zweiter Weltkrieg", unter der Leitung des späteren Botschafters in Berlin, Thomas Borer. Es ist zugleich die Geschichte der Zurückweisung des Gründers der Kontaktstelle Gàbor Hirsch, durch eben diese Taskforce: "man wollte uns nicht dabei haben", hatte Angst, jüdische Mitwirkung bei dieser "heiklen" Aufgabe könne Antisemitismus provozieren. War dies schon der Anfang vom Ende der Kontaktstelle? Und was sagt es über die Schweiz - wird etwa im Begleittext zur Erstaufführung gefragt - wenn sich der Verein selbst auflöst.

Es sind diese quälenden, weil bewusst unbeantworteten, Fragen, die den Film so fesselnd machen. Fragen, jenseits des "Warum". Fragen, wie etwa: "was ist denn am Judentum so wertvoll, dass es verfolgt wurde und noch heute verfolgt wird", wie der älteste im Film präsentierte Überlebende sinniert. Oder auch die Reaktion einer Frau, die die Kriegsjahre und die Schreckensherrschaft der ungarischen Pfeilkreuzler dank schwedischem Schutzpass in einem Budapester Schutzhaus überlebte, als sie eine Medaille mit der Aufschrift "Zeitzeuge" erhält: "ich weiss nicht, wofür man mich ausgezeichnet hat". Man spürt es förmlich, wenn ein dritter Zeitzeuge erklärt: "wir tragen eine Last die wir den Nachfahren weitergeben - ob wir wollen oder nicht".

Und dann ist da das Bild des Malers Gerhard Richter. Vier Tafeln, abstrakt vier Fotografien übermalend, dem Unfassbaren des Holocaust damit eine äussere Form gebend: "Birkenau". Die Entstehungsgeschichte ist mit einem weiteren Mitglied und mit einem weiteren Kapitel aus der Tätigkeit der Kontaktstelle verknüpft. Prof. Ivan Lefkovits ist Herausgeber der 15 Bände, deren Titel "Mit meiner Vergangenheit lebe ich" für die Geschichten von Holocaust-Überlebenden steht, jedes Band mit einem anderen Ausschnitt aus den Tafeln Richters illustriert. Herausgekommen sind die Bände 2016 im Jüdischen Verlag des Suhrkamp Verlagshauses in Berlin.

An der anschliessenden Podiumsdiskussion nahmen, unter der Leitung des erfahrenen Fernsehredaktors Peter Bollag, neben dem Autor Peter Scheiner, der Schriftstellen Urs Faess, sowie der Regisseur Erich Schmid, Teil. Ihre unterschiedlichen Blicke auf die Fragestellungen des Films wurden, teils angereichert durch Fragen und Stellungnahmen aus dem Publikum, wunderbar herausgearbeitet. Besonders schön, dass auch einige im Film gezeigten Mitglieder der Kontaktgruppe den Weg zur Erstaufführung fanden. Der Film wird vom 2.-8. Februar täglich im Kino Stüssihof im Zürcher Niederdorf gezeigt.

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