Sonntag, 23.09.2018 21:05 Uhr

Der Film - Whistleblower zwischen Moral und Milliarden

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Zürich, 19.08.2018, 20:47 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5391x gelesen

Zürich [ENA] Als Christoph Meili in der Nacht von 8.-9. Januar 1997 Bankakten von vermeintlichen Holocaust-Opfern vor der Vernichtung rettet, ahnt er noch nicht, dass seine Tat nicht nur sein Leben verändert, aber dass in der Folge auch die Schweiz gezwungen wird, eine epochale Anpassung seiner jüngeren Geschichte vorzunehmen. Davon erzählt der Dokumentarfilm Daniel von Aarburgs, der in Zürich am Donnerstag Premiere feierte.

Die Rückschau auf die bewegte Zeit, in der der längst fällige Umbau des schweizerischen Bankenwesens, auf äusseren Druck hin, begonnen hatte, gelingt insbesondere auch deswegen, weil es von Aarburg schafft, fast alle Protagonisten für seinen Film zu versammeln und zu Wort kommen zu lassen. Herausgekommen ist ein Zeitdokument, zwar nicht ohne Wertung und bestimmt nicht in der Tonalität des unbeteiligten Kommentators. n In der Form aneinander gereihter Interview-Wortmeldungen gelingt es, die Ereignisse neu erlebbar zu machen, welche Menschen aus Fleisch und Blut geformt und an ihren Schicksalsschlägen haben wachsen lassen. So wird Geschichte lebendig, auch für die Nachfahren, oder jene, die es damals noch nicht interessiert hat.

Den Hintergrund bilden die, in der nüchternen Sprache der Buchhalter, «nachrichtenlosen» Vermögenswerte genannten Geldbeträge auf Bankkonten und Schmuck und Wertpapiere in Banksafes, deren Eigentümer sich seit längerer Zeit nicht mehr gemeldet haben. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg meinten sich die Schweizer Banken der Problematik durch eine oberflächliche Schätzung und durch die pauschale Zahlung eines rückwirkend als lächerlich gering anzusehenden Geldbetrages entledigen zu können. Doch genau diese Vergangenheit holte sie 45 Jahre später wieder ein als, ob nun zufällig oder durch Kräfte gesteuert, die ganz andere Ziele vor Augen hatten, Erben und Nachfahren von Opfern der Shoah nach dem Verbleib dieser Werte zu forschen begannen.

Der 29-jährige gelernte Elektronik-Fachverkäufer Meili arbeitet als Nachtwächter im Zürcher Bankenviertel, um seine junge Familie durchzubringen, als er in jener folgenschweren Nacht die Papiere von, wie er annimmt, jüdischen Bankkunden aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in einem Container entdeckt, welche für den Reisswolf bestimmt sind. Er glaubt, einem Missstand auf der Spur zu sein und beschliesst, die Dokumente jüdischen Organisationen in der Schweiz zu übergeben. Zu jener Zeit sind in den USA bereits Bemühungen im Kongress im Gange, die sich mit der Zeit zu einem Grossangriff auf das schweizerische Bankwesen entwickeln. Dem begegnet die Schweiz mit der Errichtung einer Taskforce, unter Leitung des jungen Diplomaten Thomas Borer.

Schnell wird klar, dass die von Meili entwendeten Papiere sich auf eine Epoche vor dem Holocaust beziehen und mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg – so die Bezeichnung einer ebenfalls in dieser Zeit tätigen Expertenkommission von Historikern - nicht unmittelbar zu tun haben. Gegen Meili wird ein Strafverfahren wegen Verletzung des Bankgeheimnisses eröffnet. Thomas Borer wird vor den Untersuchungsausschuss des US-Senats geladen, wo er sich überraschend erfolgreich gegen den angriffigen New Yorker Senator Al D’Amato schlägt. Auf Vermittlung des World Jewish Congress (WJC) erhält Meili juristischen Beistand in der Person des umtriebigen amerikanischen Anwalts Ed Fagan, der ihn zur Flucht in die USA überredet.

Und so wird aus dem jungen Wachmann der einzige politische Flüchtling aus der Schweiz, der in den Vereinigten Staaten jemals politisches Asyl erhält. Er wird für einen Kampf instrumentalisiert, der nicht sein Kampf ist. Und er hat zunächst anscheinend Glück, als die Auseinandersetzung zwischen WJC und den Schweizer Banken in einem Vergleich endet, der nicht nur das Ende des Strafverfahrens gegen ihn in der Schweiz bringt, sondern ihm auch eine finanzielle Entschädigung in damals nicht genannter Höhe beschert: der Betrag wird, auf Wunsch der Schweizer Banken, in den Anwaltshonoraren versteckt. Meili, in der Schweiz inzwischen geschieden, beginnt ein neues Leben in Kalifornien, heiratet ein zweites Mal und wird erneut Familienvater.

Nur kurz gerät Christoph Meili noch ins Rampenlicht, als er 2009 in die Schweiz zurückkehrt. Das grosse Geld ist verbraucht, das familiäre Glück hat sich ebenfalls zerschlagen, Meili muss erneut bei Null anfangen. Im scheinbaren Gegensatz zu Thomas Borer, der nach Task Force im Jahre 1999 zum Botschafter seines Landes in Berlin aufstieg. Doch auch er wird zum Ikarus: das glamouröse Partyleben der Borers in Berlin löste nacheinander Stirnerunzeln, Nasenrümpfen und schliesslich massiven Widerstand in der biederen Schweiz aus. Nach einer, durch ein Massenblatt ihm angedichteten, ausserehelichen Affäre musste der erfolgsverwöhnte Borer zurücktreten. Im Zeitpunkt, als Meili in die Schweiz zurückkehrt, ist auch seine Ehe am Ende.

Ein kleiner Makel haftet dem Film an, wenngleich die Filmemacher dafür nichts können: die Banken waren auch 20 Jahre nach den Ereignissen nicht bereit, für die filmische Aufarbeitung Rede und Antwort zu stehen. Und damit bleibt, trotz der heute vorwiegend versöhnlichen Töne, diesseits und jenseits des Atlantiks, wenn nicht ein etwas schaler Beigeschmack, so ein Empfinden einer Lücke. Die UBS, welche nach der Einigung auch in USA eine Banklizenz erhielt, und die zwischenzeitlich zur grössten Vermögens-Verwaltungs-Bank in den Vereinigten Staaten aufgestiegen war, geriet erneut ins Visier von amerikanischen Anwälten, diesmal gar der amerikanischen Regierung. Es bedurfte eines Jahre währenden Seilziehens, bis erneut eine Einigung Zustand kam.

Im Gespräch im Anschluss an die Filmvorführung, unter der kundigen Leitung der Moderatorin Ursula Hürzeler, trafen sich Christoph Meili und Thomas Borer die Journalistin Gila Blau und der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Herbert Winter. Auffällig auch hier der versöhnliche Ton. Sowohl Meili, wie auch Borer gingen demonstrativ aufeinander zu. Etwas hitziger wurde es einzig, als ein Votant aus dem Kreis der Zuschauer erneut auf die von Meili gefundenen Daten zu sprechen kommen wollte. Man liess ihn ausreden, doch ins Thema einzusteigen wollte niemand so richtig. Gila Blau war ihre damalige Haltung, den in Sachen Publicity unerfahrenen Meili zu beschützen, bis heute eigen geblieben.

Herbert Winter, vor 20 Jahren schon als Anwalt tätig und ebenfalls mit den Zürcher und gesamtschweizerischen jüdischen Verbänden eng verbunden, betonte insbesondere die Bedeutung seines damaligen, inzwischen verstorbenen, Vorgängers Rolf Bloch, dessen menschliche und professionelle Qualitäten grossen Anteil am Zustandekommen des Vergleichs hatten. Der Film läuft in mehreren Schweizer Städten und auch im Schweizer Fernsehen. Eine weiter Podiumsdiskussion ist für den kommenden Dienstag vorgesehen. Es kreuzen die Klingen, der vielleicht wortgewaltigste Gegner einer Vermittlungslösung, Christoph Blocher und der damals frisch promovierte Historiker und Mitglied der Bergier-Kommission, Jakob Tanner. Roger Schawinksi wird die Diskussion leiten.

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