Samstag, 23.09.2017 16:24 Uhr

Aroser Antisemitismus, weit mehr als eine Alliteration

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Zürich, 17.08.2017, 22:23 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 5266x gelesen

Zürich [ENA] Im malerischen Bergdorf Arosa ereignet sich dieser Tage buchstäblich Weltbewegendes . Mit den Ingredienzen einer Dorfposse angerührt, wächst es mit atemberaubender Geschwindigkeit zu einem Skandal. Der Shitstorm unglaublichen Ausmasses erreicht binnen kürzester Frist Zeitungen von internationalem Format und taucht in gleissendes Scheinwerferlicht, worüber auch die Schweiz am liebsten schweigt: den Antisemitismus.

In einem Apartmenthaus, das Gäste aus aller Welt beherbergt, hängt am letzten Samstag plötzlich die Aufforderung in englischer Sprache, gerichtet ausschliesslich an "jüdische Gäste", sie mögen sich duschen, bevor sie den Pool benützten, andernfalls ihnen ebendiese Nutzung versagt würde. Und ein weiterer Aushang an dieselben Adressaten fordert nicht weniger ultimativ, diese mögen bei der Nutzung der Kühlschränke ein Stundenregime einhalten, das die Angestellten in der Ausübung ihrer übrigen Pflichten nicht über Gebühr beansprucht. Unterzeichnet sind die Bekanntmachungen von der "Kontaktperson", deren Name bis heute prominent auf der Webseite erscheint, obwohl sie mittlerweile nur Abwartin sein will.

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie im Betreuungsteam des Apartmenthauses, wohl über Monate, die Emotionen hoch und höher stiegen, wobei sich im Zeitverlauf der Blick zunehmend von der Herkunft auf die Religion verschob, bis dann eben nur noch der Jude übrig blieb! Klassisches Versagen im Konfliktmanagement, ist der verbildete "Unterländer" geneigt zu schlussfolgern. Unterländer, das sei erklärend angemerkt, ist dabei jeder, dessen Horizont nicht durch die Berge auf ein sehr überschaubares Niveau zurechtgestutzt wird. Andernorts nennt man sie auch Flachlandindianer. Und Versagen, weil man eben die knirschenden Zähne nicht mehr auseinanderbrachte, als dies noch ohne grösseren Flurschaden möglich gewesen wäre. Mangels Hirnschmalz.

Zufall ist dies alles nicht: denn das Bild vom Juden ist auch in der Schweiz seit jeher von Klischees geprägt. Insbesondere zwei Klischees: sie sind schmutzig und sie haben viel Geld. Der bei dieser Sichtweise verdichtete Konflikt kann sich eben, besonders bei der Enge der Bergtäler, die sich nach Generationen auf den geistigen Horizont überträgt, nur sehr schwer entladen - und wenn es sich entlädt, dann nur explosiv. Auf gehässigen Plakaten, in einer Sprache, die alles entlarvt. Und falls etwas nach aussen dringt, dann ist man nur noch Opfer: man sei missverstanden worden, oder vielleicht hat man doch die falschen Worte gewählt. Man hat nicht ausgeteilt, aber man muss einstecken. Man, ja genau, am Liebsten in der dritten Person.

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