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60 Jahre Suezkrise und Volksaufstand in Ungarn

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Zürich, 22.10.2016, 10:15 Uhr
Presse-Ressort von: Tamás Morvay Bericht 4665x gelesen

Zürich [ENA] Der Oktober 1956 stellte in Washington Weichen. In der Suez-Krise stoppten die USA die Truppen Israels, Grossbritanniens und Frankreichs am Suez-Kanal, vermeintlich um «alten Zöpfen» des Kolonialismus einen Riegel zu schieben. Beim Ungarnaufstand kam ausser moralischem Support und schönen Worten nichts. Ausgerechnet der Präsident Eisenhower, der Hitler in Europa besiegte, zögerte, sich den Sowjets entgegenzustellen.

Dem jungen ägyptischen Soldaten Gamal Nasser, der 1952 das Regime des Königs Faruk in einem Putsch stürzte und die Macht in Kairo übernahm, ging es bei Suez 1956 darum, die Führerschaft seines Landes in der arabischen Welt zu begründen. Dazu bediente er sich einer Krise, welche er geschickt als Teil der grossen anti-kolonialistischen Bewegung zu instrumentalisieren verstand. Auf diese Weise lavierte er 1956 noch geschickt zwischen Washington und Moskau, um den seit seinem Bau im 19. Jahrhundert sich in britisch-französischer Hand befindenden Suez-Kanal zu verstaatlichen, welche als wichtige Wasserstrasse seinem Land wertvolle Deviseneinnahmen sichert sollte.

Nassers wiederholt geäusserte Drohung, sich des Kanals zu bemächtigen, galt in Paris und London als rote Linie. In geheimen Verhandlungen mit Jerusalem entwarfen sie die Dramaturgie, mit der Nasser begegnet werden sollte: Israel ging es um die Öffnung der Strasse von Tiran, dem freien Zugang zu seinem südlichen Hafen Eilat, im Golf von Aqaba. Frankreich und England waren nicht bereit, die Oberhoheit über den Kanal an Nasser abzutreten und glaubten irrtümlicherweise, dass sich Washington nicht einmischen werde.

Nachdem israelische Truppen in Vorstössen nach Westen und Süden rasch bis Scharm-el-Scheich und Alexandria vordrangen, griffen französische und britische Luftlandetruppen entlang des Kanals an, vorgeblich um einen Waffenstillstand zu erzwingen. Doch weder Russland, schon damals wichtiger Waffenlieferant für Nasser, noch die USA waren bereit, tatenlos zuzusehen. Gemeinsam erzwangen sie im UN-Sicherheitsrat einen Abbruch der israelisch-britisch-französischer Kampfhandlungen.

Neun Jahre später versuchte Nasser erneut, den Kanal als Druckmittel einzusetzen. scheiterte aber damit, weil sich die amerikanische Haltung in der Zwischenzeit deutlich geändert hatte: in Washington hatte man eingesehen, dass der ägyptische Herrscher im Oktober 1956 sie für eigene Zwecke missbraucht hatte. Zudem hatten die USA, inzwischen im Vietnamkrieg gegen die Ausbreitung des Kommunismus kämpfend, die hauptsächlich energiepolitische Bedeutung des Nahen Ostens wieder deutlicher in ihre geostrategischen Berechnungen einzubeziehen.

Seit 1948 hatte sich der Ost-West-Konflikt, der Kalte Krieg, im Wesentlichen in Europa abgespielt: die Berlin-Blockade war der weitherum sichtbare Teil, der im versteckten geführte Krieg der Spione in Wien sowie in den von der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs besetzten Ländern Ost-Mitteleuropas der andere Teil dieser Auseinandersetzung. Im Aufstand der Arbeiter am 13. Juni 1953 lehnten sich zum ersten Mal die Bürger sowjetisch besetzten und gelenkten Landes gegen die Fremdherrschaft auf. Am 23. Oktober 1956 explodierte das Pulverfass ein weiteres Mal, in Budapest.

Der stalinistische Terror hielt in Ungarn auch nach dem Tod des russischen Diktators an, erst ab 1955 brach das Machtgefüge des ungarischen Statthalters Rákosi auf. Doch der Druck von unten konnte damit nicht abgeführt werden. Am 23. Oktober 1956 versammelten sich erst Studenten zum Protest vor dem Parlament. Ihnen schlossen sich erst die Intellektuellen der Hauptstadt an, bevor die Bewegung auf die Arbeiterschaft und von der Hauptstadt auch auf andere Gebiete des Landes sich auszudehnen begann.

Nach mehrtägigen Kämpfen, als sich die sowjetischen Truppen noch abseits hielten, war am 30. Oktober das Ende der Ein-Partei-Herrschaft proklamiert worden., und am 1. November hatte sich Ungarn die Neutralität sowie den Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärt. Daraufhin erst setzten sich sowjetische Truppen in Bewegung und schlugen den Aufstand nieder. In Washington war niemand bereit, den verzweifelten Hilferuf der Ungarn zu erhören. Im Gleichgewicht des Schreckens war kein Platz für mehr als eine moralische Unterstützung von Demokratiebestrebungen im Ostblock.

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